Altstadtverein St. Michael Fürth

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Ausgabe 38


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Kirchweihwoche einmal anders

Jetzt liegt sie wieder hinter uns, die lange Kirchweihwoche, inzwischen sind es ja schon fast zwei Wochen. Rentenreform, Gesundheitsreform, Arbeitslosigkeit, öffentlichen Finanzen kurz vor dem Bankrott, menschlich-moralischer Bankrott zahlreicher Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ... etc. etc. – die Fürther Kirchweih ficht dies alles nicht an. Apropos: Glauben Sie, in einer Zeit mit vielen Sorgen zu leben? Wer da glaubt, schlimmer wie 2003 kann es nicht mehr kommen, dem sei der folgende Blick auf die Kirchweihwoche vor 88 Jahren empfohlen.

 Kirchweih 1915

Sie fing nicht gut an, die Fürther Kirchweihwoche im düsteren Jahr 1915. Fortgesetzt gingen fast täglich Ersatztruppen an die Front. „Die Brust der Soldaten wurde mit Herbstblumen  geschmückt“, mit Musik und Trommelklang ging es die von Freunden, Bekannten und Verwandten gesäumten Straßen entlang zum Bahnhof.

Dort trafen im Gegenzug am Michaelistag frühmorgens 167 Verwundete aus den Kämpfen in der Champagne ein, wo Franzosen und Briten eine für alle Seiten verlustreiche Offensive eröffnet hatten, innerhalb von zwei Wochen starben alleine auf deutscher Seite fast doppelt so viele Soldaten wie Fürth seinerzeit Einwohner zählte.

Schulen, Turnhallen und andere Gebäude in Fürth waren mit durchschnittlich 1700 Verwundeten belegt. Wehrkraftjungen fuhren mit Eichenlaub bekränzten und blauweißen Tuch drapierten Wagen durch die Stadt und sammelten für die Lazarette eingemachte Früchte, Marmelade und Fruchtsäfte.

 Lebensmittelpreise steigen

Mit gemischten Gefühlen nahmen die Fürther die neuen Brot- und Getreideverordnungen auf. Der Brotpreis wurde auf 19 Pfennig das Pfund Schwarzbrot festgelegt, das nur 45 Gramm schwere Einheitsweißbrot (heute würde man Brötchen sagen) durfte nicht mehr als 3 Pfennig kosten.

Seit November 1914 waren die Lebensmittelpreise drastisch gestiegen, die Stadt versuchte mit einem eigenen Lebensmittelverkauf und eben auch mit der Brotverordnung gegenzusteuern: „Im Gebiete der Stadt Fürth darf nur ein weißes und ein schwarzes Einheitsbrot hergestellt und verkauft werden“.

Die Zusammensetzung von Brot und Gebäck legte die Stadt fest, vor allem die Verwendung von Weizenmehl wurde begrenzt. So hieß es zum Beispiel: „Kuchen dürfen im Stadtbezirk nur hergestellt werden, wenn sie höchstens 10 Prozent Getreidemehl enthalten“.

 

Erntedankzug vor dem Ersten Weltkrieg am Marktplatz. Foto: Stadtarchiv Fürth.

 Kirchweihfest

Am 3. Oktober 1915 fand das Kirchweihfest in der Michaeliskirche statt, am selben Morgen trafen wieder 165 Verwundete aus der Champagne ein: „Die Verbände und Kleider waren zum Teil noch mit Blut befleckt“. Fast gleichzeitig zogen „mit klingendem Spiel“ Ersatztruppen des 21. Infanterie Regiments zum Bahnhof.

Die Stadt Fürth gab bekannt, daß ihr „durch Nichtabhaltung der öffentlichen Kirchweihe ein Schaden von 15.400 Mark entstehe, die vor dem Kriege an Platzgebühren eingingen“. Gleichzeitig berichtete die Kriegsfürsorge, daß sie im September 613.000 Mark ausgegeben habe.

Die genannten Summen erscheinen heute vergleichsweise niedrig, aber diese Beträge hatten damals eine ganz andere Bedeutung. Dies läßt sich mit zwei Zahlen verdeutlichen: 1913 verdienten 80 Prozent der Fürther Steuerpflichtigen weniger als 150 Mark monatlich, eine Dreizimmer Wohnung kostete durchschnittlich 22 Mark Miete.

Am Kirchweihmontag blieb zumindest eines beim alten: Die städtischen Beamten und Arbeiter hatten nachmittags dienstfrei. Für die restlichen Fürther war wenig mehr geboten als eine groß angelegte Sammlung alten Papiers sowie von Woll- und Webzeugresten für die Kriegsinvalidenfürsorge: „Das Nahen des Sammelwagens wird durch Glockenzeichen bekannt gegeben“. (vergleichen Sie hierzu das Titelbild des vorliegenden Altstadtbläddlas).

Gleichzeitig begann eine weitere Sammlung für deutsche Kriegsgefangene in Russland, denen durch Vermittlung neutraler Staaten Geschenke zugeleitet werden konnten: „Da der Winter vor der Türe steht, ist vor allem die Beschaffung von wollenem Unterzeug, Wäsche und dergleichen Bedarfsgegenständen für unsere deutschen Kriegsgefangenen in Russland eine Notwendigkeit und eine Pflicht“.

Auch am Kirchweihmontag erreichten Verwundetentransporte Fürth. Tags darauf erfolgten Einquartierungen in der Stadt mit Soldaten aus Amberg. In den Schulhäusern wurden erstmalig amtliche Verhaltensmaßregeln bei Luftangriffen in der Praxis erprobt.

Bürgermeister Dr. Wild lud gegen Ende der Kirchweihwoche zu einer Besprechung über die Errichtung eines eisernen Kriegswahrzeichens an der Ecke Wein-/Peterstraße (heute Rudolf-Breitscheid/ Schickedanz-Straße) ein und führte über den Zweck des Denkmals aus, es „solle die ferneren Geschlechter an die große und schwere Zeit gemahnen, an eine Zeit, in welcher Fürth große Opfer an Gut und Blut gebracht habe“.

Ein beinahe tägliches Bild in diesen Jahren: Die von der Kasernen in der Südstadt kommenden Soldaten marschieren am Berolzheimerianum (seinerzeit Lazarett) vorbei zum Bahnhof. Das Standbild von Prinzregent Luitpold rechts in der Nische wurde im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen. Foto: Stadtarchiv Fürth.

 Fall von Belgrad

Am Ende der Kirchweihwoche konnten sich die Fürther dann doch noch freuen. Stadtchronist Paul Rieß hielt handschriftlich fest: „Abends kurz nach 5 Uhr verbreitete sich die Nachricht vom Fall der Festung und serbischen Hauptstadt Belgrad. Im Nu prangte die Stadt im Flaggenschmuck. Mit sämtlichen Glocken wurde eine Stunde lang geläutet. In dichten Scharen eilten Männer, Frauen und Kinder zum Michaeliskirchenplatz, der bald dicht gefüllt war. Es dunkelte schon, als Stadtpfarrer Fronmüller seine Wohnung verließ und die Kirchentreppen emporstieg, um die übliche Ansprache zu halten: ‚Belgrad, die serbische Festung, ist gefallen! Hurra!‘ begann der beliebte Redner seine Rede. In das Hurra stimmte die Menge begeistert ein...“ Stadtchronist Paul Rieß vermerkte zudem ausdrücklich: „Zu der Feier hatten sich auch viele Israeliten eingefunden.“

Sogar Mundartgedichte wurden zu diesem Sieg österreichischer und deutscher Truppen des Generals Mackensen verfaßt und in der Zeitung veröffentlicht:

„Öitz klebn s´ die Telgramm´

scho o´

Und immer lauter hört mer

schalln:

Mackensen hoch! Belgrad is

gfalln!

Döi Freud! Mei Lebtog denk i

dro!“

 

Die meisten Schulen und Turnhallen verwandelten sich im Ersten Weltkrieg zu Lazaretten, hier die 1860er Halle (abgebrannt 8./9. November 1970) zu Weihnachten 1916. Foto: Stadtarchiv Fürth.

Bessere Zukunft

Die Ziehung der Heiratskasse wurde im Ersten Weltkrieg beibehalten, erst im folgenden Krieg ging die seit 1798 durchgeführte Lotterie ein. Die Stadtchronik vermerkt zum 13. Oktober 1915: „Die Ziehung der Heiratskasse fand nachmittags auf dem blauweiß drapierten Balkon des Rathauses in der üblichen Weise statt. Es ist dies die einzige Veranstaltung, welche daran erinnert, daß heute die Kirchweih zu Ende ginge, wenn wir in Frieden lebten“.

Die Ziehung der Heiratskasse im Oktober 1914, gebannt warten die Loskäufer auf die Ausrufung der Gewinner. Foto: Stadtarchiv Fürth.

 

Vom stark zurückgegangenen Erlös wurden „drei Waisenknaben gekleidet und drei arme Brautleute erhielten je 100 Mark“.

Erst nach dem Kriege lebte die ganze Kirchweih wieder auf und es entstand wohl in den 1920er Jahren ein Gedicht, das die Kirchweih schildert, wie sie - von der Verlängerung in jüngeren Tagen abgesehen - sein soll und hoffentlich immer sein wird:

 

 „Ganz nah ba Närnberg, dou liegt Färth,

Viel Gschäftsleit houts und ah viel Wärt.

Und jedes Jahr, in Oktober nei,

Is in der Stodt a Mordstrumm Gschrei.

In Strassn, wou sunst a Verkehr,

Dou fährt elf Tog ka Auto mehr,

Denn af zwa Seitn senn dou Ständ,

Wos willst, dös hoßt glei bei der Händ.

Der Münchner houts Oktoberfest –,

Färth nit vo seiner Kerwa läßt!“

 

 

Alexander Mayer

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