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Ausgabe 35


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Ein Sachse am Gänsberg

"Ich war ein zufriedener DDR-Bürger" gibt Torsten Berthold unumunwunden zu. Man war so erzogen, konnte den riesigen Unterschied zum Westen damals bestenfalls ahnen. Als allerdings in Leipzig die Montagsdemos begannen, da war der gebürtige Sachse dabei, die Mutter zitterte derweilen um ihren Sohn. Von der Nikolaikirche ausgehend marschierten montags um 18 Uhr immer mehr Leute den Leipziger Ring entlang. Die Polizei war zunächst eher zurückhaltend, dann standen sich bald die Ketten gegenüber, dort die Demonstranten, da Polizei und Stasi. Die Polizei ging zunächst mit der Taktik vor, sich immer einen einzelnen Demonstranten herauszuziehen und zu "bearbeiten". Später wurde es dann härter, einerseits aufgrund einer Unterwanderung der Demonstration zum Beispiel mit rechten Gruppierungen, andererseits weil sich die Situation immer mehr zuspitzte, der Kippe näherte: Geht es wie in China auf dem Himmlischen Platz aus oder setzte sich der von Gorbatschow eingeläutete Kurs durch?

Den damals 19jährigen Sachsen zog es in der Folge nach Franken. Hier sei ein kleiner geschichtlicher Rückblick erlaubt: Die Sachsen haben mit den Franken eigentlich die allerschlechtesten Erfahrungen gemacht. Bevor der Frankenkönig Karl der Große 793 der Sage nach in Fürth die Martinskapelle errichtete, hinterließ er in Sachsen eine Straße der Verwüstung. In Verden an der Aller ließ er den Reichsannalen zu Folge im Jahre 782 sogar 4.500 Sachsen auf einmal hinrichten. – Das konnte Torsten Berthold aber nicht schrecken, es ist ja auch schon etwas her. Er ging in den "Wilden Westen", im konkreten Fall allerdings eher nach Süden: nach Fürth.

Torsten Berthold, Geschäftsführer und Trainer im Sportforum am Löwenplatz; hier auf dem Spinning-Bike, dem Top-Trend im Gesundheits- Ausdauertraining. Mit Musik wird in der Gruppe unter Anleitung eines Instruktors ein pulsorientiertes Training gefahren (Pulsmesser inklusive). In der Tabelle rechts oben sind die altersabhängigen Herzfrequenzen für sinnvolle Belastungen aufgeführt: 65-75 % des höchsten Sollwertes in erster Linie für die Fettverbrennung und das "Relaxen", 75-85% für Ausdauer- und Krafttraining. Foto: A. Mayer.

"Beruf mit Abitur"

"Mich trieb die Neugier, zudem hatte ich eine gute Ausbildung", sagt er heute. Er durchlief in der DDR eine sogenannte "BmA" (Beruf mit Abitur)-Ausbildung als Galvaniseur. Sein eigentliches Ziel war zwar Erzieher oder Sportlehrer, aber er machte das Abitur, um später eventuell studieren zu können und gleichzeitig als Sicherheit den damit verbundenen Beruf in der Hinterhand zu haben. Er wollte fünf Jahre in Fürth Geld verdienen und dann zurück nach Sachsen gehen und dort ein Fitneßstudio aufmachen.

Als "Galvaniseur mit Abitur" hatte er im Westen keinerlei Berufssorgen, er wurde sofort in einer Fürther Firma genommen. Die ersten zwei Monate schlief Torsten Berthold im Auto, dann noch einen Monat in der Pension. Bei der Wohnungssuche zog ihn ein Makler über den Tisch: "Ich wußte nicht, was ein Makler ist, das gab es in der DDR nicht. Ich habe da in der Zeitung gelesen ‚Helfe bei der Wohnungssuche‘ und habe angerufen". – Die Folgen waren natürlich erstens kostspielig und zweitens befand sich die Wohnung in einem nicht ganz unbekannten Neubau in der Pfisterstraße, in das ein Kenner der Szene wohl kaum freiwillig ziehen würde. Er suchte und fand allerdings bald bessere Wohnungen.

Mit dem Geld, das er verdiente, absolvierte er bei der renommierten BSA-Sportschule einen Trainerschein nach dem anderen und wurde später Frankens erster staatlich anerkannter "Fitneßfachwirt". Bald stand die Entscheidung an: "Soll ich den sicheren Job aufgeben und in die unsichere Fitneßbranche einsteigen? In jedem Fall war es ein Risiko." Torsten Berthold stieg ein, und zwar in das Sportforum am Löwenplatz (Stadtteil Gänsberg), das bis dahin von Albin Hofschuster alleine in Allround-Manier geführt wurde.

Zwei Dinge reizten Torsten Berthold an Fitneßstudios – die es in der DDR nicht gab – besonders: "Die Leute kommen freiwillig und es kommt auf die Persönlichkeit der Trainer und Geschäftsführer ganz besonders an". Daß der stets gutgelaunte Sachse anfänglich gewisse Probleme mit den zurückhaltenden Franken hatte (genaugenommen war es eher umgekehrt), ist dabei nicht verwunderlich und war ein weiterer Ansporn.

Im Rahmen der "Rückenschule" (Wirbelsäulen Gymnastik) gibt es auch Massagen zur Entspannung. Foto: A. Mayer.

Gesundheit statt Kraft

Dabei kam sein Einstieg gerade zu einer Zeit, als sich die Fitneßstudios aus der Grauzone herausbewegten. Früher "Muckibuden", in denen ächzend und stöhnend Gewichte gestemmt wurden, entwickelten sich einige immer mehr zu Gesundheitstempeln. So kam es auch, daß der Neu-Fürther der erste fränkische Fitneßtrainer mit einem neu geschaffenen staatlich anerkannten Abschluß wurde. "Ich will weg vom reinen Krafttraining hin zum Gesundheitstraining." meint er, "Viele Studios arbeiten mit masochistischen Techniken. Was will der 50jährige mit Kreislaufproblemen dort?" fragt sich Torsten Berthold. "Drei mal wöchentlich zwei Stunden Krafttraining wird auch in seriösen Studios empfohlen. Das schreckt doch ab. Die Zukunft sehe ich aus didaktischen Gründen in der 60-Minuten Formel: 45 Minuten Ausdauertraining und 15 Minuten Krafttraining. Wer mehr will und kann – umso besser!".

Das Schlagwort "hartes Training" schreckt ebenfalls ab, schafft Angst. Durch hartes Training bekommt das Immunsystem einen Schlag, die Ausschüttung von "Glückshormonen" verringert sich. Ergebnis: Unwohlsein und die Krankheitsanfälligkeit steigt. "Das wollen wir im Sportforum nicht. Wir sind die Glücksbringer". Denn das richtige Training schafft Wohlgefühl, reduziert die Fettzellen und stärkt das Immunsystem".

Sozusagen Aufbauhilfe West, könnte man hinzufügen. Wer es ausprobieren will, kann ja mal hinschauen. Keine Angst: Der sächsische Dialekt ist kaum mehr wahrnehmbar.

Alexander Mayer

 

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