Altstadtverein St. Michael Fürth
Altstadtbläddla
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Ausgabe 34 |
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Resi Fellmer und ihre 500 Kinder
Wer Resi Fellmer nicht kennt, der kennt das Altstadtviertel nicht, auch wenn er noch so viele Jahreszahlen von wichtigen Ereignissen aufzählen kann. Resi zählt 73 Jahre und lebt am Eingang zum Kirchenplatz von 462 Mark Rente monatlich, Miete und Heizung zahlt das Sozialamt. Aber Resi Fellmer ist nicht unglücklich und nicht unzufrieden wie viele andere Menschen, die das zehn- oder fünfzigfache an Geld zu Verfügung haben und in ihrem Leben vergleichsweise auf Rosen gebetet sind. Sie meint: "Wir Menschen in der Altstadt St. Michael sind nicht einsam. Man kennt sich, man grüßt sich und auch Hilfe ist da, wenn man sie braucht. Ich fühle mich in der Altstadt geborgen. Das Schönste aber ist: Täglich kommen 500 Kinder an meinem Fenster vorbei." Beim Zeitschriftenhändler um die Ecke muß sie sich einmal täglich melden, damit der weiß, daß alles in Ordnung ist. Der Friseur - ebenfalls um die Ecke - läßt ihr die Haare gratis schneiden. Die Nachbarin quartiert die Resi kurzerhand nach einem Wohnungsbrand ein. Die Pfarrer von St. Michael kümmern sich um sie und Resi erwähnt natürlich auch den Vorsitzenden des Altstadtvereins. Der Arzt sähe sie lieber im Heim, aber: "Ich liebe die Altstadt. Ich habe tausend Freunde hier." Flucht Eigentlich ist Resi Fellmer aus Neu-Hau oder Novo-Lehotá in der Slowakei, 130 Kilometer nordöstlich Bratislava. Als 16jährige wurde sie in das Deutsche Reich als landwirtschaftliche Arbeiterin verschickt, bekam als "Volksdeutsche" aber jedes Jahr Urlaub. 1945 evakuierte die Wehrmacht Teile der deutschen Bevölkerung aus der Slowakei, darunter auch die Mutter von Resi Fellmer, sie kam zufällig in das Espan-Lager in Fürth. Von dort gab die pflegebedürftige Frau einen Suchauftrag an das Rote Kreuz, um ihre Tochter zu finden. Das Rote Kreuz machte Resi Fellmer in der Ostzone ausfindig, denn in das dortige Gebiet war die Tochter noch in Kriegszeiten verschickt worden. Auf den Brief hin floh Resi Fellmer 1947 aus der Ostzone. Sie wurde in Kassel aufgegriffen, die 20jährige galt aber noch als Jugendliche, weswegen sie nicht zurückgeschickt wurde und zu ihrer Mutter durfte. Im Espan-Lager Nun lebte sie im Espan Lager mit ihrer pflegebedürftigen Mutter und weiteren 40 Menschen in einem Raum, arbeitete bei der Stadt Fürth, in einer Wirtschaft in der Gartenstraße, bei der Spielwarenfabrik Götz in der Jakobinenstr. Die Mutter vertrug das Lageressen nicht, und Resi Fellmer ekelte sich davor, so suchte man Unterschlupf bei der Schwester in Frankreich. Resi Fellmer konnte einen Arbeitsvertrag als Haushaltshilfe erlangen und so trafen Mutter und Tochter im September 1949 in Paris ein. Der Schwager verbot jedoch aus seinerzeit naheliegenden Gründen, deutsch zu reden, die Mutter konnte sich mit der Landessprache nicht anfreunden und wollte bald wieder zurück, so daß man im Januar 1952 wiederum im Espan-Lager ankam. Mitte 1952 fanden Mutter und zwei Töchter eine kleine Wohnung in der Maxstraße, Resi Fellmer fand eine Beschäftigung bei Grundig. Kurz darauf wurde sie lungenkrank und mußte für 13 Monate in die Lungenheilklinik Engelthal. Danach war sie 50% behindert und eigentlich berufsunfähig, ging aber "freiwillig" wieder zurück zu Grundig, 96 Mark Rente waren auch damals nicht genug zum Leben. 1962 gab sie eine andere Beschäftigung auf, da die Mutter wieder krank wurde und hielt sich mit Heimarbeiten und als Werberin für die Fränkische Tagespost über Wasser. Der Comic-Laden 1967 eröffnete sie dann in der Gustavstraße 43 den legendären Laden für Second-Comics und Romanheftchen, der dann nicht weniger als 22 Jahre bestand: "Begonnen hat das ganze praktisch aus dem Nichts. Für sechs Mark kaufte die frischgebackene Geschäftsfrau Bretter und baute sich daraus ein Regal, das sie mit Packpapier bezog. Da anfangs noch keine Hefte im Tausch zu erstehen waren, bekamen die ersten Anlieferer gebrauchten Lesestoffs Gutscheine zu späterer Einlösung. Das Regal wurde so immer voller, und schon bald war die Auswahl so groß, daß der Handel beginnen konnte... Hauptarbeit neben dem Sortieren der angekauften Druckstücke ist die Reparatur aus dem Leim geratener Bändchen und zerissener Seiten. Unmengen von Klebefilm... gehen dabei drauf" (aus einem Bericht der Fürther Nachrichten im Jahre 1983). Diese Jahre waren die schönsten Zeit ihres Lebens gewesen, meint sie heute. Manche Familien gingen in mehreren Generationen in dem Comic-Salon ein und aus. 1983 eröffnete sie sogar eine Zweigstelle in der Königstraße. 1989 schloß die damals 63jährige den Laden, blieb aber in der Gustavstraße bis heute. Vor zwei Jahren brannte die Wohnung aus, eine Nachbarin nahm Resi Fellmer auf, bis sie wieder zurück konnte. Eine im letzten Jahr entdeckte schwere Krankheit konnte ihre positive Lebenseinstellung ebensowenig brechen wie andere tragische Ereignisse in ihrem Leben, die sie nicht im Altstadtbläddla lesen will. Wie sagte sie doch: "Das Schönste aber ist: Täglich kommen 500 Kinder an meinem Fenster vorbei". Alexander Mayer |